Manche Orte werden über Nacht zu Symbolen. Der Hauptbahnhof von Novi Sad ist so ein Ort. Als dort am 1. November 2024 das Betonvordach einstürzte, starben sechzehn Menschen, darunter Kinder. Was zunächst wie ein schrecklicher Unfall aussah, wurde für viele Serbinnen und Serben zum Sinnbild für Nachlässigkeit, Korruption und eine Politik, die Verantwortung lieber weiterreicht als übernimmt.
Am zweiten Jahrestag versammelten sich erneut Zehntausende vor dem Bahnhof. Zur Minute des Einsturzes wurde es still, und zwar sechzehn Minuten lang, eine Minute für jedes Opfer. Danach lagen Kränze, Blumen und Kerzen vor dem Gebäude. Organisiert hatten das Gedenken vor allem Studierende, die seit dem Unglück den Kern einer ungewöhnlich ausdauernden Protestbewegung bilden.
Neu ist in diesem Jahr der politische Rahmen. Nur eine Woche vor dem Jahrestag hatte eine Liste, die aus genau dieser Bewegung hervorgegangen ist, die Parlamentswahl gewonnen. Damit mischt sich in die Trauer zum ersten Mal auch vorsichtige Hoffnung. Ob daraus tatsächlich Aufklärung und Gerechtigkeit werden, bleibt allerdings offen, denn viele Fragen zur Bauaufsicht und zu den Verantwortlichen sind weiter unbeantwortet.
Eine bewegende Schilderung des Gedenktages, der Märsche durch die Stadt und der Reden der Studierenden findet sich im Bericht über sechzehn Minuten Stille in Novi Sad.
Für unser Verzeichnis ist diese Geschichte ein wichtiger Hinweis darauf, dass europäische Politik nicht nur in Brüssel, Berlin oder Paris entschieden wird. In Serbien zeigt sich gerade, wie zäh und friedlich eine junge Generation für einen funktionierenden Rechtsstaat eintreten kann. Wer verstehen möchte, wie aus einem Unglück eine gesellschaftliche Wende werden kann, sollte die Entwicklung in den kommenden Monaten genau verfolgen. Die neue Regierung wird sich daran messen lassen müssen, ob sie die Forderungen der Straße ernst nimmt.

