Brasilien hat gewählt, aber noch nicht entschieden. Weil im ersten Wahlgang niemand die absolute Mehrheit erreicht hat, kommt es am 25. Oktober zur Stichwahl zwischen Senator Flávio Bolsonaro und Amtsinhaber Luiz Inácio Lula da Silva. Das knappe Ergebnis mit einem leichten Vorsprung für den Herausforderer überrascht viele Beobachter und zeigt, wie gespalten das größte Land Lateinamerikas politisch ist.
Bemerkenswert ist vor allem, wie offen Lula mit dem Resultat umgeht. Der erfahrene Präsident räumte ein, mit einem Sieg in der ersten Runde gerechnet zu haben. Statt Enttäuschung zu zeigen, griff er zu einem Fußballbild, das in Brasilien jeder versteht: Die Partie sei nicht vorbei, man befinde sich in der Verlängerung. Sein Gegner wiederum präsentierte sich zufrieden und zuversichtlich. Für Flávio Bolsonaro, den Sohn des früheren Präsidenten Jair Bolsonaro, ist der Vorsprung ein Zeichen dafür, dass der Familienname weiterhin Millionen Menschen mobilisiert.
In den kommenden drei Wochen dürfte der Wahlkampf noch einmal deutlich an Schärfe gewinnen. Beide Lager müssen Wählerinnen und Wähler der ausgeschiedenen Kandidaten überzeugen und gleichzeitig die eigene Basis bei Laune halten. Themen wie Wirtschaft, soziale Sicherheit, Umweltpolitik und das Verhältnis zu den Institutionen werden die Debatten bestimmen. Wer die Zahlen, die Zitate vom Wahlabend und die Ausgangslage vor dem zweiten Durchgang kompakt nachlesen will, findet hier die Zusammenfassung zur Brasilien-Wahl.
Für Europa ist das Ergebnis mehr als eine Randnotiz. Brasilien ist ein wichtiger Handelspartner, ein entscheidender Akteur beim Schutz des Amazonas und eine Stimme mit Gewicht in internationalen Foren. Wie sich das Land am 25. Oktober entscheidet, wird deshalb auch in Berlin, Brüssel und darüber hinaus aufmerksam verfolgt. Fest steht schon jetzt: Diese Stichwahl wird eine der spannendsten politischen Entscheidungen des Herbstes. Ob am Ende die Erfahrung des Amtsinhabers oder der Rückenwind des Herausforderers den Ausschlag gibt, hängt auch davon ab, wie viele Menschen ein zweites Mal den Weg in die Wahllokale finden und welche Botschaften in den letzten Tagen vor der Abstimmung verfangen.
