An der Paris Fashion Week für Frühjahr/Sommer 2027 entscheiden nicht nur Schnitte über Aufmerksamkeit – sondern auch die Geschichten, die Häuser um Führung, Atelier und Alltag erzählen. Am 1. Oktober rückten zwei Labels in den Fokus, deren kreative Zukunft gerade neu verhandelt wird: Balenciaga unter Pierpaolo Piccioli und Icicle unter Bénédicte Laloux. Während Gerüchte über Picciolis möglichen Abschied bei dem Kering-Haus kursieren und Icicle zugleich den Einstieg von Sabato De Sarno als Artistic Director kommuniziert hat, wirkten beide Shows wie Antworten auf denselben Wunsch: Mode soll wieder Wärme, Bewegung und Lesbarkeit signalisieren.
Piccioli zeigte im Tennis Club de Paris die Kollektion „Les Coraux de la Liberté“. Eine monumentale rot-weiße Gorgonie der Künstlerin Aude Franjou prägte die Bühne; Drapierungen, asymmetrische Tuniken und Abendkleider mit fließendem Stofffluss übersetzten das Bild eines Korallenriffs in Silhouetten. Der Designer betonte kollektives Atelierarbeiten – niemand leuchte allein. CEO Gianfranco Gianangeli wies Abgangsfragen lächelnd zurück. In der Front Row saßen unter anderem François-Henri Pinault und Anna Wintour; stilistisch wirkte die Show weicher und stofflicher als das Demna-Universum, mit klaren Retail-Signalen bei Lederjacken, Taschen und neuen Sneakerformen.
Icicle antwortete im Palais des Beaux-Arts mit zeitlosem Minimalismus und mutigeren Pastelltönen: Himmelblau, Pastellgelb, Moos- und Anisgrün neben der bekannten Basis aus Weiß, Beige und Rot. Laloux sprach von Frauen, die an einem Tag mehrere Rollen einnehmen – deshalb dürfe selbst eine minimale Silhouette nicht nur eine Form haben. De Sarnos Handschrift soll ab Herbst/Winter 2027/28 spürbar werden; Laloux bleibt für die Damenkollektionen verantwortlich. Eine Einordnung beider Shows und ihres Branchenkontexts bietet Amiratower.
Für den 2. Oktober bleibt Paris im Takt dichter Termine – von Loewe bis Victoria Beckham. Nach Mailands maximalistischen Prints setzt die französische Woche andere Akzente: maritime Metapher bei Balenciaga, alltagstaugliche Pastellfarben bei Icicle. In einem vorsichtiger wachsenden Luxusmarkt sind das keine bloßen Saisonfarben, sondern Lesezeichen für eine Branche, die Zugänglichkeit ohne Banalität sucht – und Führungsfragen inzwischen offen auf dem Laufsteg mitverhandelt.
